Das Matterhorn muss man einfach mal gesehen haben und die gigantische Viertausenderkulisse rund um Zermatt wollte ich sehen, bevor der letzte Gletscher geschmolzen ist. Beim Summit Club (ein Tochter-unternehmen des DAV) entdeckte ich ein Angebot, dass auch Frank überzeugte: Mal keine Hütte sondern ein Drei-Sterne-Hotel! Wir meldeten uns an.
Zermatt ist ein Touristenmekka. Das wurde uns in Täsch klar, als wir ein Parkhaus wie auf einem Großflughafen vorfanden. Von hier aus ging es mit der Bahn weiter, denn Zermatt ist Autofrei. Am Bahnhof empfing uns nicht nur unsere Bergführerin Karin, sondern auch ein Konzert von Alphornbläsern. Fängt ja gut an! Nach einem kleinen Rundgang mit erstem Eindruck von Zermatt ging es mit der Seilbahn zum kleinen Weiler Furi oberhalb von Zermatt zu unserem Hotel.
Unser erster Wandertag führte uns zum Örtchen Täschalp, 2214m, den wir mit einem Wandertaxi erreichten. Sobald ich aus dem Taxi gestiegen und mich umgesehen hatte, wusste ich wieder warum ich die Berge so liebe: Grüne Matten, herrliche Lärchenwälder, malerisch gelegene Häuschen, ein Kirchlein, der Wildbach und dann - der Blick aufs Matterhorn! Während der fünfstündigen Wanderung entlang des Westhangs des Mattertals war diese einzigartige Bergformation unser ständiger Begleiter. Immer wieder musste ich meinen Fotoapparat zücken, um den nun noch viel schöneren Ausblick festzuhalten.
Am nächsten Tag sollten wir unserem Begleiter näherkommen. Die im Jahre 2015 völlig neu erbaute Hörnlihütte auf 3260m war unser Ziel. Die Hütte ist Ausgangpunkt für die Besteigung des Matterhorns über den berühmten Hörnligrat. Über viele Kehren und Steilstücke mit Seilversicherungen ging es vom Schwarzsee die letzten 800 Höhenmeter zur Hütte hinauf. Und immer wieder spektakuläre Ausblicke aufs Matterhorn und je höher wir stiegen auf die Gletscherwelt der Monte-Rosa-Gruppe. Die Entspannung bei Gespräch und Getränk auf der Hüttenterrasse wurde jäh zerrissen. Wir hörten ein dumpfes Geräusch von fallendem Gestein und kurz darauf einen Helikopter kreisen. Einer der Gipfelbesteiger war samt des Felsens, an dem er sich gesichert hatte, tödlich hinab gestürzt. Beklemmung machte sich breit. Am nächsten Tag erfuhren wir von der Entscheidung der Bergführer von Zermatt, dass sie keine Führungen zum Gipfel mehr anbiete würden. In diesem außergewöhnlich heißen Sommer waren auf der Höhe von 4000m noch Plusgrade zu verzeichnen. Der Permafrost taut und das Gestein wird zunehmend bröselig. Gelesen hatten wir von diesen Zusammenhängen schon häufiger, aber es auf diese Weise unmittelbar zu erleben ist etwas anderes.
Unser dritter Wandertag begann mit der Querung einer Hängebrücke und dem Aufstieg durch schönen Lärchenwald zum Riffelsee, 2757 m. Nach kurzer Rast auf einem Felsen, der mich faszinierte, weil er durch die Schleifspuren des Eises teilweise wie poliert wirkte, ging es hinauf zum Gornergrat, 3090m. Weiter ging es mit ständigem Blick auf die mächtigen Eisflächen des Gornergletschers und weitere Viertausender der Monte Rosa-Gruppe. So schön, so nah, so fremd bedrohlich wirkten die Eiszungen und sind doch selber so bedroht. An den Schuttbergen der Gletscherränder lässt sich sehr gut ablesen wie schnell sie kleiner werden. Auch kann man immer mal wieder das leise Grummeln eines Murenabgangs hören. Wo der Gegendruck des Eises fehlt kommt das Geröll ins Rutschen. Auf der Panoramaterrasse der Gornergratbahn kehrten wir ein. Die Pause war nötig, denn in dieser Höhe kamen wir beim Anstieg doch schon ins Pumpen. Bei herrlicher Sonne genossen wir den phantastischen Blick auf die vereisten Viertausender. Zurück fuhren wir mit der Gornergratbahn, übrigens die höchste Bergbahn Europas. Ein zwiespältiges Vergnügen, durchfährt man doch ein ganz auf den Ski Tourismus ausgerichtetes und abgerichtetes Gelände.
Das Oberrothorn, mit 3415m der höchste Wanderberg Europas sollte heute unser Ziel sein. Toll, wir waren dort oben! Aber Spaß hat es nicht wirklich gemacht. Die Tour begann mit einer Bahnfahrt durch einen Bergtunnel, ähnlich einer U-Bahn, die ganz für den Massenanfall des Skitourismus ausgelegt ist. Dann mit der Seilbahn weiter hinauf bis zur Sunnegga, Blauherd und Unterrothorn Station. Mit uns fuhren zahlreiche Mountainbiker, Gleitschirmspringer und, neu für mich, Menschen die mit einer Art Kettcar mit dicken Reifen die Bergwege hinabrasen. Für die Zeiten, in denen es möglicherweise keinen Schnee mehr geben wird, ist also gesorgt. Wir aber gehen wandern. Kraxeln heute durch loses Gestein, durch Schotter, braun und grau, wenig grün, wenn auch vereinzelte Blümchen sich durchs Gestein quälen. Die Aussicht auf viele Viertausender, es sollen wohl 38 sein, ist zwar beeindruckend und versöhnt mit dem steilen Aufstieg, aber die Landschaft vor unseren Füßen hat etwas Deprimierendes. Der Abstieg zur Fluealp bietet ebenfalls nur Schotter. Wir genießen hier auf der Terrasse Kuchen und Sonne und wandern getröstet den wunderschönen Panoramaweg rund um den Stellisee entlang, mit stets nun schon vertrautem Blick auf das Matterhorn.
Die optional angebotene Tour über den Gletscher zum Breithorn schenken wir uns. Wir waren schon auf verschiedenen Gletschern und der Zustand des Eises verhieß nichts Gutes. Außerdem wollen wir heute Grün sehen und wandern auf den Wiesen unterhalb der Matterhorn Nordwand mit Blick auf die Reste des dortigen Gletschers. Teils etwas moorig, teils malerisch mit Kiefern aufgelockert, blüht es hier vorwiegend in Gelb und Blau. Eine herrlich entspannte Tour mit Blick auf die Berge rings um das Obergabelhorn mit seinen 4063 Metern. Im ruhigen Zmuttal rasten wir im kleinen, wunderschönen Weiler Zmutt. Hier ist man dabei die uralten Bauernhäuser zu restaurieren. Die Speicher ruhen auf Pilzen, so sieht es von weitem aus. Es stellt sich aber beim näher kommen heraus, dass die Ständer mit runden Steinplatten belegt sind und ich lerne: Mäuse können keinen Überhang klettern. Beim Abstieg nach Zermatt staunten wir: Die morgens noch eher ruhige und flache Matter hatte sich in einen reißenden Wildbach verwandelt. Dieses Phänomen hatten wir schon an den vorherigen Tagen beobachtet. Die Mittagshitze frisst die Gletscher. Tag für Tag. Wie lange kann das noch gehen?
Es war eine wunderschöne Wanderwoche. Wir sind täglich 5 bis 6 Sunden gelaufen, haben dabei zwischen 500 und 1200 Höhenmetern zurückgelegt und atemberaubende Bergpanoramen bestaunt. Bergführerin Karin hat uns kompetent und unaufdringlich geleitet, wie wir es von vorhergehenden Summit Touren schon kannten. Unsere kleine Wandergruppe harmonierte. Das Hotel war spitze. Manches, von dem was ich über den Klimawandel gehört oder gelesen habe hat durch Anschauung und Erleben einen tieferen emotionalen Eindruck hinterlassen.
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